Was haben Helge Schneider und Herbert Grönemeyer, Heinz Rühmann, Horst Schimanski und Hape Kerkeling gemeinsam? Stimmt: Alles Männer, Vorname auf „H“ und alle über 40. War ja nicht so schwer. Aber was noch? Keinen Dunst? Kleiner Tipp noch: Auch Nena, Atze Schröder, Pommes Schranke, Currywurst und Elke Heidenreich gehören dazu. Jau, genau! Die kommen alle aus dem Ruhrgebiet, dem Revier, dem Kohlenpott, der Heimat von Kumpel und Malocher.

 

pott2 - Wir sind Pott!

„Komm auße Pötte – komm im Kohlenpott!“ – das Revier ruft, und wir folgen seinem Ruf. Dem Ruf in eine der einst bedeutendsten Industrieregionen Europas, mit 4.435 Quadratkilometern und rund 5,3 Mio. Einwohnern der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünftgrößte Europas, wo gegen Ende des 19. Jahrhunderts Hüttenindustrie und Bergbau Hunderttausende von Einwanderern anlockten. Viele kamen aus dem heutigen Polen – und blieben. Nirgendwo in Deutschland tri t man auf mehr Kowalskis, Kaczmareks und Schimanskis, und viele der alteingesessenen Ruhris führen eine polnische Urgroßmutter in ihrem Stammbaum. Später gesellen sich Gastarbeiter aus der Türkei, Italien und Griechenland hinzu und verleihen dem Ruhrgebiet einen multikulturellen Anstrich – „Melting Pott“ in Reinkultur. Multikulti und international präsentiert sich der Pott auch heute noch, doch während einst das „Grubengold“ der Region passable Erträge bescherte, sind Ruß und Staub mittlerweile aus der Luft verschwunden und die Zechen stehen still. Grau war gestern, Schächte und Fördertürme, Stahlwerke und Zechen sind zu Stätten der Industriekultur – zu Theatern, Museen und Restaurants – umgerüstet worden. Kultur statt Koks – für Kumpel und Malocher gibt es in der neuen „Metropole Ruhr“ nichts mehr zu tun. Mit einer Gesamtarbeitslosenquote von 10,6% (Dezember 2010) liegt das Ruhrgebiet auf Platz eins der westdeutschen Bundesländer.

Glück auf! – Jetzt über Tage

Unterkriegen lässt sich der Mensch im Ruhrgebiet deswegen noch lange nicht. Wer unter Tage malochen kann, ist hart im Nehmen und fi ndet sich auch über Tage zurecht. Dem wird bei all dem Strukturwandel nicht schwindelig, der kommt auch ohne Kohle klar, passt sich den veränderten Arbeits- und Lebensverhältnissen an, ho t auf bessere Zeiten und packt mit an. Und einfach abhauen geht schon gleich gar nicht! „Wat willze denn da? Woanders is auch scheiße!“ – so würde wahrscheinlich die ruhrdeutsche Antwort auf einen vorgeschlagenen Ortswechsel lauten. Denn wie eine Studie zu den Lebensverhältnissen der Menschen im Ruhrgebiet – durchgeführt im Auftrag des Regionalverbands Ruhr – belegt, sind zwei Drittel der Ruhrgebietler so stark mit ihrem Revier verbunden, dass sie es nie verlassen. Sie sind in dieser Region geboren, dort geblieben und haben noch nie über einen Umzug nachgedacht. Und getz ma ganz ehrlich: Mit viel Wald, Wiesen, Seen und Äckern besitzt der Pott, der tatsächlich nur zu einem Fünftel besiedelt ist, jede Menge Erholungs- und Freizeitwert. Der ist viel grüner als grau und viel schöner als man denkt. Hier tre en ursprüngliche Natur und Industrieromantik aufeinander und das hat doch was. Das gibt’s sonst nirgends! Und das heißt jetzt auch nicht mehr Kohlenpott oder Revier, das heißt jetzt „Metropole Ruhr“ und „Kulturhauptstadt 2010“.

pott1 - Wir sind Pott!

Vereinsmeierei

Den Ruhri juckt das herzlich wenig, der ist und bleibt Lokalpatriot, so oder so. Sein Lebensmittelpunkt ist auch weniger die Dortmunder City oder der Essener Baldeneysee, sondern viel eher die Bude umme Ecke. Denn hier läuft alles zusammen, hier tre en sich Hinz und Kuczinski, hier ist der Nabel seiner Welt. Neben wichtigen Grundnahrungsmitteln wie Chips, Bonbons, Bier und Zigaretten gibt es hier auch den neuesten Klatsch, und genau hier entstehen auch die Freundschaften, die meist ein Leben lang halten. Fast ebenso fest eingesessen wie in seiner Bude ist der Mensch des Ruhrgebiets auch in der Vereinskultur. Neben Schrebergartenkolonie, Skatrunde, Kegelclub, Gesangsund Taubenzüchterverein kommt dem Fußball ein zentraler Aspekt im Leben des Revierbewohners zu. Seit jeher hat König Fußball eine wichtige soziale und integrative Funktion im Ruhrgebiet, viele der unzähligen Amateur- und Hobbyvereine haben ihren Ursprung bei Werksmannschaften von Hütten und Zechen. Die beiden größten Ruhrgebietsvereine – der FC Schalke 04 und Borussia Dortmund – sind beide in Arbeitervierteln entstanden und gehören zu den altehrwürdigen Gründungsmitgliedern der Fußball-Bundesliga. Regelmäßig über 40.000 verkaufte Dauerkarten pro Saison zeugen von großer Begeisterungsfähigkeit der Anhängerschaft, und nicht umsonst sind die Schalker Nordkurve und die Südtribüne in Dortmund (als größte Stehplatztribüne Europas) in Deutschland ohne Konkurrenz. Mit viel Herz und Leidenschaft stehen die Fans hinter ihren Mannschaften und erwarten mit Spannung das nächste „Revierderby“, das traditionell den Pott zum Kochen bringt.

Sarich doch!

Die bodenständige Natur des Ruhrgebietsbewohners schlägt sich nicht zuletzt in seiner direkten Art, einem etwas rotzigen Selbstbewusstsein und einer kräftigen, derben Ausdrucksweise nieder, die keine Missverständnisse aufkommen lässt: Hier sitzt das Herz auf der Zunge und am rechten Fleck! Wer Ruhrdeutsch spricht, spricht Klartext, der haut raus, was er denkt, authentisch und ehrlich, ohne Rücksicht auf Verluste. Auch wenn es manchmal eher ruppig klingt – „Ey Jupp, altes Arschloch!“ – es ist fast nie böse gemeint. „Wat sollze auch groß drumrum reden, sach doch einfach, wie et iss!“ In der Grönemeyerschen „Metropole Ruhr“-Hymne liest sich das dann so: „Wo ein raues Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt. Wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt. Wo man gleich den Kern benennt, und das Kind beim Namen kennt. Von klarer o ner Natur, urverlässlich, sonnig stur.“ Was der Mann von der Straße dazu sagen würde? „Hömma, Gröni! Hassetjetzbaldma? Geht et nich auch wat weniger schwülstich, musse denn immer gleich so dick auftragen?“ Jau, immer drauf! Gib ihn!

// Julia Kuschmann

currywurst - Wir sind Pott!

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